Swaziland: von Elefanten umzingelt
Manche zählen Swaziland zu den schönsten Reiseregionen im südlichen Afrika. Trotzdem übersehen es viele, andere meiden es aus Protest gegen den König, der in Saus und Braus lebt, während sein Volk hungert. Höchste Zeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden.
Schon aus fünfzig Metern Entfernung spüren wir die Gewalt. Zuerst hören wir Schreie, dann das dumpfe Trampeln, das wir mehr im Magen spüren als hören. Schließlich jagen die Gnus um die Ecke. Wie besessen rasen sie um einen Baum herum, die Augen vor Verzweiflung aufgerissen, sie geraten ins Rutschen und bäumen sich aneinander auf.
Vier Schwarze hinter einer zwei Meter breiten Stahlplatte und ein Weißer, der mit einem Schild bewehrt ist, drängen die Biester in die enge, umzäunte Gasse, die direkt auf uns zuführt. Hinten schließen die Männer den Ausgang.
Es gibt nur noch einen offenen Weg, und die Tiere stemmen sich mit aller Verzweiflung dagegen, nehmen die Hörner nach unten und rennen mit ihren 250 Kilo in die Stahlplatte. Der Aufprall ist eine Mischung aus dumpfem Krachen und hellem Knacken.
Jetzt tritt Mick Reilly heraus und drückt einige der Gnus nach hinten - sein einziger Schutz ist die zerbeulte Motorhaube eines Range Rovers. Die meisten Tiere flüchten panisch und knallen direkt in den Zehn-Tonnen-Container, auf dessen Dach wir uns flach hingelegt haben und absolute Ruhe bewahren sollen. Doch das Stahldach beginnt jetzt zu tanzen wie ein Rodeobulle, denn fünfzig Zentimeter unter uns sind sieben Gnus hinter der ersten Trennwand eingesperrt und rasen in ihrer Zelle.
Vier sind noch draußen und Mick kämpft wie ein Torero: Er macht Ausfallschritte, weicht zurück und drängt wieder Richtung Container. Die gefangenen Gnus werden ruhiger, sie haben durch Klappen im Dach Beruhigungsspritzen bekommen. Schließlich scheint auch der Wille der letzten drei Tiere gebrochen zu sein, sie lassen sich - nur noch leicht widerwillig - in den Truck stopfen, und die letzte Klappe fährt herunter. Mick wischt sich den Schweiß aus seinem hochroten Gesicht, schaut zu uns hinauf und sagt dann so ruhig, als habe er gerade einen Espresso geschlürft: "Die Gnus sind verdammt stur. Da musst du der Sturste von allen sein."
Mick ist der Sohn von Ted Reilly, dem Gründer der Naturparks im kleinen Königreich Swaziland. Seine Familie hat viel Land gespendet - nicht, um Tiere zu schützen, sondern um sie wieder in dem kleinen Königreich anzusiedeln, das zu zwei Dritteln von Südafrika umgeben ist und im Osten an Mosambik grenzt.
Von Wilderern dezimiert, von Rinderpest und einer Gnu-Plage heimgesucht, hatten nur wenige wilde Tiere überlebt, und das einst berühmte Tierleben war fast völlig aus Swaziland verschwunden. Heute hat Ted Reilly die drei Big Game Parks - Mlilwane, Mkhaya und Hlane - wieder unter den schönsten Tierbeobachtungsgebieten im südlichen Afrika etabliert.
Der Arbeitsalltag in den Parks ist immer noch Familiensache. Die Gnus müssen umgesiedelt werden, weil die große Population den Nashörnern und anderen Antilopen das Gras wegfrisst. Auch wenn die Aktion stressig für die Tiere ist, gibt es keine vernünftige Alternative, erklärt Ted Reilly: "Die Balance in den Ökosystemen ist fragil, wir haben alle Hände voll zu tun, die Reservate so schön zu erhalten, wie sie sind. Und vielleicht können wir sie noch ein bisschen besser machen."
Immer noch krankt Swaziland daran, dass es von Südafrikareisenden entweder übersehen oder nur als Transitstrecke genutzt wird. Dazu kommt die Hypothek, die das Land auf seinen Schultern trägt, weil sein Herrscher Afrikas letzter absoluter Monarch ist und von den westlichen Medien als Verschwender bezeichnet wird, während zwei Drittel seines Volkes auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist. Und natürlich ist da noch die HIV-Rate: Mit über 38 Prozent eine der höchsten der Welt, während Mswati III seinen Palast mit 13 Ehefrauen teilt.
Alles keine Vorschusslorbeeren für das Land, das nur etwas größer als Thüringen ist und alle Chancen hätte, denn es liegt im Herzen einer Region, die vor Attraktionen strotzt: Im Norden der Krüger National Park und der Blyde River Canyon, im Osten Mozambik mit seiner Hauptstadt Maputo, im Süden das Weltnaturerbe St. Lucia und die traumhaften Strände des Indischen Ozeans - doch Swaziland? Das kennen selbst erfahrene Afrikareisende höchstens flüchtig.
Dass Swaziland überraschen kann, wird schon auf den ersten Metern klar. Wir haben problemlos die Formalitäten auf der südafrikanischen Seite des Grenzpostens Matsamo/Jeppe?s Reef hinter uns gebracht und betreten das Immigration Office von Swaziland.
Mitten im Büro steht ein riesiger weißer Whirlpool, die Anschlüsse hängen auf halber Höhe in der Luft. Meine Bemerkung über das Ding ignoriert der Beamte, händigt mir für fünfzig Rand meinen gestempelten Reisepass aus und einen Zettel, den ein Uniformierter an der Schranke vor der Tür einfordert: Er drückt den rot-weißen Balken gerade so weit hoch, dass wir mit unserem Toyota darunter durchkriechen können. Der Polizist winkt freundlich und wir fahren in eine wunderbare Hügellandschaft.
Die Dörfer scheinen uns geordneter als die, die wir eben noch in Südafrika gesehen haben - absurd, denn das Pro-Kopf-Einkommen des großen Bruders ist doppelt so hoch. Die Fensterscheiben sind nicht mehr mit Mülltüten geflickt, die Häuser wirken bescheiden, aber sie sind fertig gebaut - im Gegensatz zu den vielen Wohnruinen in Südafrika. Größere Wohnhäuser sehen wir nicht. Hier hat die Apartheid keinen Graben aufgerissen, das finanzielle Gefälle besteht zwischen Stadt und Land. Auf der MR1 fahren wir nach Süden in Richtung der Hauptstadt Mbabane.
Um das Einkommensgefälle ein bisschen einzuebnen, hat die Amerikanerin Coral Stevens bei Pigg?s Peak eine Weberei gegründet, die seit über fünfzig Jahren für einzigartige Qualität steht und heute vierzig Frauen ein Einkommen sichert. Das Ergebnis sind Vorhänge in kräftigen Erdfarben und mit bunten Webmustern, extra dicht gewebte Decken in edlem Silber und Schals in warmen Gelbtönen. Der Mohair fühlt sich weich und rau zugleich an, geschmeidig und widerstandsfähig.
Nebenan im Peak Craft Center bieten die Läden von Tintsaba hochwertigen Schmuck mit Sisal-Applikationen, robuste Bastkörbe, Karottenbündel aus Beadwork, Geschirr aus Speckstein und kunstvolle Untersetzer aus alten Zeitungen - das ist schon kein Handwerk mehr, sondern Kunst und immer hochwertig und originell.
Dennoch profitieren die Ärmsten der Armen von der Arbeit für Tintsaba: Frauen auf dem Land bekommen das Material geliefert und geben einige Wochen später das fertige Produkt ab. So können auch an die Familie gebundene Frauen ihren Lebensunterhalt in Regionen verdienen, in denen es sonst überhaupt keine Arbeit gibt. Und das ist wichtig in Swaziland, wo weniger als 20.000 Jobs in der formalen Wirtschaft existieren ? für über eine Million Swazis.
Wir fahren die MR 1 zurück und erreichen unsere erste Unterkunft, die Phophonyane Lodge. Sie liegt in einem 500 Hektar großen Nature Reserve, das die Phophonyane-Wasserfälle in der Mitte durchschneiden. Jetzt in der Trockenzeit schwappt der Fluss gemächlich in Kaskaden über die Steinterrassen und gibt mit seinem friedlichen Rauschen den Soundtrack für die Bergidylle.
Lungile und Rod de Vletter haben Wanderwege, einen Felspool, durch den der Fluss fließt, und einen großen Garten angelegt. Durch die Holz-Aussichtsplattform über dem Wasserfall schießt der gelbbraune Stamm einer Bergfeige, der Wanderweg führt an Wasserbeeren vorbei. Lungile warnt mich vor den scharfen Kanten der "Mother in Law's Tongue", der Schwiegermutter-Zunge.
Am Hang entlang fließen immer wieder umgeleitete Seitenarme des Flusses und rote Korallenbaum-Blüten tanzen in winzigen Mahlströmen. Kaum haben wir uns darunter durch geduckt, ragt eine Euphorbie vor uns auf. Der längliche Kaktus schafft es, sich durch die anderen Pflanzen durchzuhangeln und oben durchs Blätterdach zu stoßen - es herrscht Dschungel-Atmosphäre.
Im letzten Licht überqueren wir den Fluss: Unten im Tal stapeln sich die Mais-Terrassen zum nächsten Berg hinauf. Die Ziegen kehren zurück ins "Homestead", wie die Swazis ihre Weiler nennen, ihre Glöckchen hallen mit den Rufen von Kindern durchs Tal, das die Schatten schon übernommen haben.
Am nächsten Morgen wachen wir in einer der traditionellen Beehive-Huts auf. Die Hütten sehen wirklich aus wie Bienenstöcke: Lange Äste sind vom Boden am einen Ende der Behausung an den anderen gebogen, über dieses Gerüst flechten die Einheimischen seit Jahrhunderten Gras. Die Wirkung ist auch heute noch urgemütlich.
Auf dem Weg zur Hauptstraße begegnen wir einer afrikanisch-alpinen Szene: Ein Bergbach zieht durch hohes Gras und unter einer Brücke durch, eine türkise Hütte steht vor dem dunklen Wald auf der Kuppe. An einer etwas breiteren Stelle des Bachs nehmen Kinder Anlauf und springen mit einem Salto, einer Schraube oder einer Bombe ins Wasser.
Als wir aus unseren Autos aussteigen, gibt der größte von ihnen ein Kommando und die Jungs formieren sich in einer Reihe und schleudern "Hej, hej, hej!", die Beine über den Kopf - der traditionelle Swazi-Tanz, dabei lachen sie sich kaputt. Nach dieser kurzen Demonstration für die Fremden gehen die Jungs unter Freudengeheul wieder daran, sich in ihr Sprungbecken zu werfen.
Auf der Straße begegnen uns Swazis im Sonntagsstaat: Mit Anzughosen und dem frisch gewaschenen Trikot von Fußballmannschaften aus England oder Spanien. Sie sammeln sich vor dem Score Supermarkt, dem Bottle Store und der Bank.
Wir machen uns auf zur wohl bekanntesten Firma des Landes, Ngwenya Glass. Hier schuften Glasbläser in der Bullenhitze der Öfen, drehen das rotglühende Glas an einem langen Stahlstab mit schnellen, gezielten Handbewegungen und riesigen, spitzen Grillzangen in Form.
"Das Glas für all unsere Produkte ist in Swaziland gesammelt und recycelt worden. 85 Prozent davon stammt von alten Colaflaschen. Dadurch erkaltet das Glas schneller und ist weniger flexibel", erläutert der Managing Director von Ngwenya Glass. Das Design muss also entsprechend robust sein, doch mit dieser Einschränkung kommen die Glasbläser wunderbar zurecht: Von ausladenden Rotweingläsern zu bunten Serviettenringen, von Bierkrügen mit Metall-Nashörnern am Griff zu Designer-Vasen, deren orangefarbene und blaue Schichten im Licht funkeln, reicht das Angebot, das bis nach Europa und die USA exportiert wird.
"Wir sind gerade dabei, neun weitere Glasbläser anzulernen, und unsere schwarze Designerin bekommt internationale Anerkennung." Dazu kommen die Swazis, die davon leben, Flaschen zu sammeln und sie für fünfzig Cent das Kilo an Ngwenya Glass zu verkaufen. "Wir haben damit gleichzeitig ein Umweltproblem gelöst. Vor zehn Jahren war Swaziland noch voll von Müllkippen mit alten Flaschen. Die landen jetzt fast alle bei uns", sagt der Manager mit offensichtlichem Stolz - so viele Swazi-Produkte, die auf dem Weltmarkt bestehen können, gibt es nicht.
Das Leben in der Hauptstadt Mbabane dreht sich um das Swazi Plaza und The Mall - zwei riesige Einkaufszentren mit südafrikanischen und amerikanischen Ketten: KFC, Pizza Hut, Shoprite oder OK. Mbabane ist mit 60.000 Einwohnern zwar die zweitgrößte Stadt des Landes hinter Manzini, doch trotz seiner schönen Lage in den Dlangeni Hills keine Attraktion. Mag der Markt auch interessant sein, das politische und kulturelle Herz von Swaziland liegt im Ezulwini Valley und dorthin sind wir unterwegs. Man kann schnell auf der MR3 durchbrausen.
Wer aber etwas sehen will, muss die alte MR103 nehmen. Hier liegt der königliche Kraal, hier findet der jährliche Reed Dance statt, bei dem 40.000 junge Frauen vor dem König tanzen und Mswati III sich ab und zu eine neue Verlobte aussucht. Hier tagt das Parlament, das nur als Sprachrohr des Herrschers gilt, hier liegen die großen Hotels und - etwas abseits - das Mlilwane Wildlife Sanctuary.
Hier ist Ted Reilly geboren und hat mit angesehen, wie wilde Tiere systematisch ausgerottet wurden. Als Reaktion widmete er die 400 Hektar große Familienfarm dem Artenschutz und machte es zum Wildlife Sanctuary.
Das Anwesen der Familie aus den 1920er Jahren steht mitten im Park: Reilly?s Rock, ein Labyrinth aus Gebäudeflügeln, großzügigen Terrassen und einer Bibliothek mit Kamin, die im Buckingham Palace liegen könnte.
Über deren Blechdach scheint gerade ein Regenschauer zu trommeln, doch am Himmel blinken Sterne. Plötzlich sehen wir davor Mini-Scheinwerfer, und langsam lösen sich Körper aus der Dunkelheit, die zu Katzen gehören könnten.
Ted taucht neben mir auf und drückt mir ein Stück Banane in die Hand. Jetzt trauen sie sich ins Licht mit ihren Fledermaus-Ohren, dem langen Schwanz und riesigen Augen: Bushbabies kommen zur Fütterung, einige misstrauisch, andere etwas mutiger, alle zögerlich. Es dauert eine Minute, bevor der größte Draufgänger zart und warm in meinen Finger beißt. Dann bekommt er die Banane zu fassen und flüchtet behände das Dach hinauf.
Als wir hinunter zum Lagerfeuer gehen, wo das Abendessen schon bereit steht, sehen wir im Tal die Lichter von Mbabane funkeln. Frösche schnattern wie aufgedreht und ein paar Zebras bellen in der Ferne.
Am nächsten Morgen chauffiert uns Ted mit schnellen Bewegungen durch das Veld. Mlilwane ist kein Big-Five-Gebiet, dafür ist es der Himmel für Antilopen-Fans: Eine Rehantilope wetzt rechts über die Ebene, ein Oribi zeigt sich und verschwindet hinter Büschen, plötzlich stiebt ein Steinböckchen vor dem Auto davon. Diese Tiere sind nur einen halben Meter groß und man sieht sofort, wie anstrengend es sein muss, in der Wildnis klein zu sein. Hektisch spähen sie um sich, während in der Ferne zwei große Rote Kuhantilopen in Seelenruhe die Szene betrachten. Die Touren kann man hier nicht nur mit dem Auto machen, sondern auch auf dem Mountainbike.
Nach einem herzhaften Frühstück brechen wir auf und fahren weiter das Ezulwini Valley hinunter. Bei Swazi Candles werden ungewöhnliche Kerzen geformt, die auch in deutschen Geschäften angeboten werden: Mit der Hand kneten die Arbeiter das auf fünfzig Grad erhitzte Wachs zu Flusspferden mit Blumenmustern, Rechtecken mit Afrikamotiven, kleinen Leoparden in Lauerstellung und Elefanten. Dafür haben sie zehn Minuten Zeit, dann ist das Wachs zu kalt. 20 bis 25 der Tiere schaffen sie pro Tag und die Reisenden stürzen sich nebenan im großen Shop begeistert auf die kleinen Kunstwerke.
Wer sonntags mit heruntergekurbelten Scheiben über die MR103 fährt, hört, dass halb Swaziland ruft, singt und summt. Siebzig Prozent der Swazis sind Christen. In einer Bretterbude vor dem Malkerns Country Club findet einer der vielen Gottesdienste statt. Ungefähr vierzig Gläubige der "Word of Life Christian Church" haben sich versammelt und lauschen ihrem Pastor.
In einem lilafarbenen, viel zu großen Anzug predigt er gegen den Alkohol, dem so viele Swazis verfallen seien. Die Gemeinde bekräftigt das mit lauten Rufen und alle stimmen schließlich ein, um "Jesus" so inbrünstig zu preisen, dass wir Angst haben, die Konstruktion aus Brettern, ein paar Nägeln und viel grüner Plastikfolie könnte über uns zusammenstürzen.
Drei Kilometer weiter liegt ein Veranstaltungsort, den Swazis aus ganz anderen Gründen aufsuchen. Das House on Fire ist ein Club, manche würden sagen ein Tempel für Musikbegeisterte: Blinkende Spiegel-Applikationen in den bunten Steinwänden, die von irren Hippie-Skulpturen geschmückt sind, zackige Metallbalken vor runden Holzsäulen, Bänke mit goldenen Steinlehnen, schrille Wachhäuschen, ein tanzender Elefant unter alten Signalleuchten korrodierter Metallogen - alles wirkt wie eine Mischung aus Gaudí und Hundertwasser.
Im House on Fire gastieren DJs, Bands und Theatergruppen, an Samstagabenden platzt dieses ?Work in Progress?, wie es seine Initiatoren beschreiben, aus allen Nähten. Im angrenzenden Malandelas B&B kann man übernachten, und das gleichnamige Restaurant ist sehr zu empfehlen - am Wochenende sollte man allerdings reservieren.
Dort laufen wir auch Darron Raw über den Weg. ?Wir organisieren Adventure-Caving, wo wir in eine Höhle fahren, die nur zu fünf Prozent erforscht ist, Offroad-Quadbiking und seit sechzehn Jahren Rafting?. Darron hat die Behörden dazu überredet, jeden Tag den Damm am Mbabane-Fluss zu öffnen - die Rafter surfen dann auf dieser künstlichen Welle durch das traumhafte Ezulwini Valley.
Raw geht aber längst über diesen Abenteuer-Tourismus hinaus. Mit "Taste of Swaziland" befriedigt er das Interesse derer, die tiefer in die Kultur eintauchen wollen. Man kann sich das Menü komplett selbst zusammenstellen: Wer ein typisches Dorf durchstreifen will, dem zeigt der Führer den Weg und steht als Dolmetscher zur Seite, Tierliebhaber werden durch Swazilands Parks und zu ihren schönsten Orten geführt - alles ganz spontan.
Der letzte Tag in Swaziland. Wir hatten uns fest vorgenommen, heute nur gemütlich nach Nelspruit zurück zu fahren, aber Ted Reilly hat uns überredet, das Mkhaya Game Reserve zu besuchen. Also fahren wir wieder einmal ganz früh raus, über die wirtschaftlich am weitesten entwickelte Stadt Manzini hinaus, bei Hhelehhele nach rechts ins ländliche Swaziland.
Hier spielt sich afrikanisches Straßenleben ab, mit Schulkindern in Uniformen, vereinzelten Fahrradfahrern, verlorenen Tankstellen, viel Staub und noch mehr Fahrgästen auf den Ladeflächen der Pick-Ups.
Im Dörfchen Phuzumoya will Ted uns abholen - niemand darf alleine in die Game Reserve fahren. Typisch Swazi: Der große alte Mann, einer der wenigen, die sich nicht vor dem König niederwerfen müssen, nimmt sich selbst nicht wichtig. Seine Jacke ist 20 Jahre alt, von Kaffeeflecken verfärbt, an den Nähten reißt sie auf. Sein Hut ist verwaschen und der Wagen eine verbeulte Stahlwanne mit Dieselantrieb. Doch dieser Mann, der schon als Kleinkind durch den Busch gestapft ist, nimmt uns auf eine Safari, die wir nicht so schnell vergessen werden.
Vor allem ist Ted effizient. Mit seinem Beifahrer tauscht er nur wenige Worte auf seSwati aus, der Rest sind Gesten. Das Lenkrad schlägt er mit seinen Pranken in die richtige Richtung, abrupt steuert er uns ins Yellow Thatch Grass hinein, und wir sehen nicht mehr viel, bis wir hinter einer Kuppe plötzlich mitten in eine Herde Büffel steuern. Aus vier Meter Entfernung wirken die durchschnittlich 700 Kilogramm schweren Tiere so zahm wie wiederkäuende Kühe.
Mit laufendem Motor tasten wir uns langsam vor. Selbst der Leitbulle mit mächtigem Hornwulst wird nervös. Er wendet sich mit wedelndem Schwanz Richtung Westen und zieht seine Herde hinter sich her.
In den nächsten Stunden spürt Ted für uns ein Nashorn mit einem drei Monate alten Baby auf, das ungelenk hinter seiner Mutter herhoppelt. Und er bringt uns unmittelbar an einen Elefanten heran, der eine Rivierakazie umwirft, während die Ägyptischen Gänse erschrocken in die Luft starten.
Unser Frühstück nehmen wir in einem Stone Camp ein. Näher kommt man nicht an die Natur heran. Die Betten sind nur durch eine fünfzig Zentimeter hohe Mauer von der Wildnis getrennt. "Hier kann man abends Leoparden und Geparden vorbeilaufen sehen", sagt Ted stolz. Ob denn das Mäuerchen die Gäste ausreichend schütze? "Die Raubtiere könnten natürlich hereinkommen. Aber sie tun es nie", sagt Ted und lächelt in die Ferne.
Gegen zehn stoßen wir auf eine Herde Elefanten. Mit anderen Führern würden wir jetzt stehen bleiben und die Szene vom Pfad aus beobachten. Ted will mehr und hält auf die Dickhäuter zu, bis wir jede Kruste in der Hautschicht studieren können, während die Elefanten über uns ihre Rüssel in die Baumkronen schlingen und Zweige abreißen. Kampferbüsche duften, und wir befinden uns bald mitten in der Herde von zwölf Elefanten.
Wir bewegen uns mit ihnen auf ihrem Futterzug, mit dem sie jeden Tag sechzehn Stunden beschäftigt sind. Für einen magischen Moment steht die Herde still da und lässt sich vom aufkommenden Wind umwehen. Wir hören nur das knarzende Kauen und das Rascheln der Knotendornakazien.
Als sich der größte Bulle schließlich auf uns zu bewegt, spricht Ted mit ihm in seSwati, er ruft und droht. Als der Elefant mit dem Rüssel die Rückbank berührt, gibt er Gas, das geht noch zwei Mal so und wir gewinnen noch ein paar Minuten in diesem seltsamen Zug. Dann sagt Ted: "Er will uns sagen, dass wir gehen sollen. Er ist nicht wütend. Aber man muss auf die Elefanten hören, sonst werden sie wirklich ärgerlich." Auf dem Weg hinaus fahren wir auf ein Eland zu, mit 1,70 Meter Schulterhöhe die größte Antilope des südlichen Afrikas. Sie steht an der Straße einsam Spalier, den Hals wie zum Salut majestätisch gereckt. Ein würdiger Abschiedsgruß aus einem wunderschönen Land.
SÜD-AFRIKA Tipps
Swaziland
AKTIVITÄTEN
Big Game Parks, Central Reservations, P.O. Box 311, Malkerns, Swaziland Tel.: 268-528 3943, Fax: 528 3924, www.biggameparks.org. Buchungen für die drei großen Parks in Swaziland, Mlilwane, Hlane und Mkhaya.
Swazi Trails, PO Box 2179, Mbabane, Kingdom of Swaziland, Tel./Fax: 268-416 2180, www.swazitrails.co.sz. Tolle Touren, vom Outdoor-Abenteuer zu geschichtlichen Trips bis hin zu maßgeschneiderten Ausflügen.
UNTERKUNFT
Phophonyane Lodge, P.O Box 199, Piggs Peak, Swaziland, Tel.: 268-437 1429, Fax: 437-1319, www.phophonyane.co.sz.
Reilly?s Rock, zu buchen über Big Game Parks, siehe oben.
Mvubu Falls Lodge, Mbabane Highway, Tel./Fax 268-404 4655, www.mvubufalls.com.
HANDSWERKSKUNST
Coral Stephens, Private Bag, Pigg?s Peak, Swaziland, Tel.: 268-437 1140, Fax: 437 1178, www.coralstephens.com.
Tintsaba Crafts, P.O. Box 340, Piggs Peak, Swaziland, Tel./Fax 268-437 1260, www.tintsaba.com.
Ngwenya Glass, P.O.Box 45, Motshane H104, Swaziland, Tel./Fax: 268-442 4053, www.ngwenyaglass.co.sz.
Swazi Candles, P.O. Box 172, Malkerns, Swaziland, Tel.: 268-528 3219, Fax: 268-528 3135, www.swazicandles.com.
GESUNDHEIT
In Teilen Swazilands besteht immer noch Malariagefahr. Besucher sollten entweder mit einer Prophylaxe vorsorgen oder ein Stand-By-Medikament dabei haben. Man sollte sich unbedingt vom Arzt beraten lassen.
Schon aus fünfzig Metern Entfernung spüren wir die Gewalt. Zuerst hören wir Schreie, dann das dumpfe Trampeln, das wir mehr im Magen spüren als hören. Schließlich jagen die Gnus um die Ecke. Wie besessen rasen sie um einen Baum herum, die Augen vor Verzweiflung aufgerissen, sie geraten ins Rutschen und bäumen sich aneinander auf.
Vier Schwarze hinter einer zwei Meter breiten Stahlplatte und ein Weißer, der mit einem Schild bewehrt ist, drängen die Biester in die enge, umzäunte Gasse, die direkt auf uns zuführt. Hinten schließen die Männer den Ausgang.
Es gibt nur noch einen offenen Weg, und die Tiere stemmen sich mit aller Verzweiflung dagegen, nehmen die Hörner nach unten und rennen mit ihren 250 Kilo in die Stahlplatte. Der Aufprall ist eine Mischung aus dumpfem Krachen und hellem Knacken.
Jetzt tritt Mick Reilly heraus und drückt einige der Gnus nach hinten - sein einziger Schutz ist die zerbeulte Motorhaube eines Range Rovers. Die meisten Tiere flüchten panisch und knallen direkt in den Zehn-Tonnen-Container, auf dessen Dach wir uns flach hingelegt haben und absolute Ruhe bewahren sollen. Doch das Stahldach beginnt jetzt zu tanzen wie ein Rodeobulle, denn fünfzig Zentimeter unter uns sind sieben Gnus hinter der ersten Trennwand eingesperrt und rasen in ihrer Zelle.
Vier sind noch draußen und Mick kämpft wie ein Torero: Er macht Ausfallschritte, weicht zurück und drängt wieder Richtung Container. Die gefangenen Gnus werden ruhiger, sie haben durch Klappen im Dach Beruhigungsspritzen bekommen. Schließlich scheint auch der Wille der letzten drei Tiere gebrochen zu sein, sie lassen sich - nur noch leicht widerwillig - in den Truck stopfen, und die letzte Klappe fährt herunter. Mick wischt sich den Schweiß aus seinem hochroten Gesicht, schaut zu uns hinauf und sagt dann so ruhig, als habe er gerade einen Espresso geschlürft: "Die Gnus sind verdammt stur. Da musst du der Sturste von allen sein."
Rückkehr der Tiere
Mick ist der Sohn von Ted Reilly, dem Gründer der Naturparks im kleinen Königreich Swaziland. Seine Familie hat viel Land gespendet - nicht, um Tiere zu schützen, sondern um sie wieder in dem kleinen Königreich anzusiedeln, das zu zwei Dritteln von Südafrika umgeben ist und im Osten an Mosambik grenzt.
Von Wilderern dezimiert, von Rinderpest und einer Gnu-Plage heimgesucht, hatten nur wenige wilde Tiere überlebt, und das einst berühmte Tierleben war fast völlig aus Swaziland verschwunden. Heute hat Ted Reilly die drei Big Game Parks - Mlilwane, Mkhaya und Hlane - wieder unter den schönsten Tierbeobachtungsgebieten im südlichen Afrika etabliert.
Der Arbeitsalltag in den Parks ist immer noch Familiensache. Die Gnus müssen umgesiedelt werden, weil die große Population den Nashörnern und anderen Antilopen das Gras wegfrisst. Auch wenn die Aktion stressig für die Tiere ist, gibt es keine vernünftige Alternative, erklärt Ted Reilly: "Die Balance in den Ökosystemen ist fragil, wir haben alle Hände voll zu tun, die Reservate so schön zu erhalten, wie sie sind. Und vielleicht können wir sie noch ein bisschen besser machen."
Immer noch krankt Swaziland daran, dass es von Südafrikareisenden entweder übersehen oder nur als Transitstrecke genutzt wird. Dazu kommt die Hypothek, die das Land auf seinen Schultern trägt, weil sein Herrscher Afrikas letzter absoluter Monarch ist und von den westlichen Medien als Verschwender bezeichnet wird, während zwei Drittel seines Volkes auf ausländische Nahrungsmittelhilfe angewiesen ist. Und natürlich ist da noch die HIV-Rate: Mit über 38 Prozent eine der höchsten der Welt, während Mswati III seinen Palast mit 13 Ehefrauen teilt.
Alles keine Vorschusslorbeeren für das Land, das nur etwas größer als Thüringen ist und alle Chancen hätte, denn es liegt im Herzen einer Region, die vor Attraktionen strotzt: Im Norden der Krüger National Park und der Blyde River Canyon, im Osten Mozambik mit seiner Hauptstadt Maputo, im Süden das Weltnaturerbe St. Lucia und die traumhaften Strände des Indischen Ozeans - doch Swaziland? Das kennen selbst erfahrene Afrikareisende höchstens flüchtig.
Einkommen für die Ärmsten
Dass Swaziland überraschen kann, wird schon auf den ersten Metern klar. Wir haben problemlos die Formalitäten auf der südafrikanischen Seite des Grenzpostens Matsamo/Jeppe?s Reef hinter uns gebracht und betreten das Immigration Office von Swaziland.
Mitten im Büro steht ein riesiger weißer Whirlpool, die Anschlüsse hängen auf halber Höhe in der Luft. Meine Bemerkung über das Ding ignoriert der Beamte, händigt mir für fünfzig Rand meinen gestempelten Reisepass aus und einen Zettel, den ein Uniformierter an der Schranke vor der Tür einfordert: Er drückt den rot-weißen Balken gerade so weit hoch, dass wir mit unserem Toyota darunter durchkriechen können. Der Polizist winkt freundlich und wir fahren in eine wunderbare Hügellandschaft.
Die Dörfer scheinen uns geordneter als die, die wir eben noch in Südafrika gesehen haben - absurd, denn das Pro-Kopf-Einkommen des großen Bruders ist doppelt so hoch. Die Fensterscheiben sind nicht mehr mit Mülltüten geflickt, die Häuser wirken bescheiden, aber sie sind fertig gebaut - im Gegensatz zu den vielen Wohnruinen in Südafrika. Größere Wohnhäuser sehen wir nicht. Hier hat die Apartheid keinen Graben aufgerissen, das finanzielle Gefälle besteht zwischen Stadt und Land. Auf der MR1 fahren wir nach Süden in Richtung der Hauptstadt Mbabane.
Um das Einkommensgefälle ein bisschen einzuebnen, hat die Amerikanerin Coral Stevens bei Pigg?s Peak eine Weberei gegründet, die seit über fünfzig Jahren für einzigartige Qualität steht und heute vierzig Frauen ein Einkommen sichert. Das Ergebnis sind Vorhänge in kräftigen Erdfarben und mit bunten Webmustern, extra dicht gewebte Decken in edlem Silber und Schals in warmen Gelbtönen. Der Mohair fühlt sich weich und rau zugleich an, geschmeidig und widerstandsfähig.
Nebenan im Peak Craft Center bieten die Läden von Tintsaba hochwertigen Schmuck mit Sisal-Applikationen, robuste Bastkörbe, Karottenbündel aus Beadwork, Geschirr aus Speckstein und kunstvolle Untersetzer aus alten Zeitungen - das ist schon kein Handwerk mehr, sondern Kunst und immer hochwertig und originell.
Dennoch profitieren die Ärmsten der Armen von der Arbeit für Tintsaba: Frauen auf dem Land bekommen das Material geliefert und geben einige Wochen später das fertige Produkt ab. So können auch an die Familie gebundene Frauen ihren Lebensunterhalt in Regionen verdienen, in denen es sonst überhaupt keine Arbeit gibt. Und das ist wichtig in Swaziland, wo weniger als 20.000 Jobs in der formalen Wirtschaft existieren ? für über eine Million Swazis.
Dschungel-Feeling
Wir fahren die MR 1 zurück und erreichen unsere erste Unterkunft, die Phophonyane Lodge. Sie liegt in einem 500 Hektar großen Nature Reserve, das die Phophonyane-Wasserfälle in der Mitte durchschneiden. Jetzt in der Trockenzeit schwappt der Fluss gemächlich in Kaskaden über die Steinterrassen und gibt mit seinem friedlichen Rauschen den Soundtrack für die Bergidylle.
Lungile und Rod de Vletter haben Wanderwege, einen Felspool, durch den der Fluss fließt, und einen großen Garten angelegt. Durch die Holz-Aussichtsplattform über dem Wasserfall schießt der gelbbraune Stamm einer Bergfeige, der Wanderweg führt an Wasserbeeren vorbei. Lungile warnt mich vor den scharfen Kanten der "Mother in Law's Tongue", der Schwiegermutter-Zunge.
Am Hang entlang fließen immer wieder umgeleitete Seitenarme des Flusses und rote Korallenbaum-Blüten tanzen in winzigen Mahlströmen. Kaum haben wir uns darunter durch geduckt, ragt eine Euphorbie vor uns auf. Der längliche Kaktus schafft es, sich durch die anderen Pflanzen durchzuhangeln und oben durchs Blätterdach zu stoßen - es herrscht Dschungel-Atmosphäre.
Im letzten Licht überqueren wir den Fluss: Unten im Tal stapeln sich die Mais-Terrassen zum nächsten Berg hinauf. Die Ziegen kehren zurück ins "Homestead", wie die Swazis ihre Weiler nennen, ihre Glöckchen hallen mit den Rufen von Kindern durchs Tal, das die Schatten schon übernommen haben.
Am nächsten Morgen wachen wir in einer der traditionellen Beehive-Huts auf. Die Hütten sehen wirklich aus wie Bienenstöcke: Lange Äste sind vom Boden am einen Ende der Behausung an den anderen gebogen, über dieses Gerüst flechten die Einheimischen seit Jahrhunderten Gras. Die Wirkung ist auch heute noch urgemütlich.
Auf dem Weg zur Hauptstraße begegnen wir einer afrikanisch-alpinen Szene: Ein Bergbach zieht durch hohes Gras und unter einer Brücke durch, eine türkise Hütte steht vor dem dunklen Wald auf der Kuppe. An einer etwas breiteren Stelle des Bachs nehmen Kinder Anlauf und springen mit einem Salto, einer Schraube oder einer Bombe ins Wasser.
Als wir aus unseren Autos aussteigen, gibt der größte von ihnen ein Kommando und die Jungs formieren sich in einer Reihe und schleudern "Hej, hej, hej!", die Beine über den Kopf - der traditionelle Swazi-Tanz, dabei lachen sie sich kaputt. Nach dieser kurzen Demonstration für die Fremden gehen die Jungs unter Freudengeheul wieder daran, sich in ihr Sprungbecken zu werfen.
Auf der Straße begegnen uns Swazis im Sonntagsstaat: Mit Anzughosen und dem frisch gewaschenen Trikot von Fußballmannschaften aus England oder Spanien. Sie sammeln sich vor dem Score Supermarkt, dem Bottle Store und der Bank.
Glaskunst mit Öko-Element
Wir machen uns auf zur wohl bekanntesten Firma des Landes, Ngwenya Glass. Hier schuften Glasbläser in der Bullenhitze der Öfen, drehen das rotglühende Glas an einem langen Stahlstab mit schnellen, gezielten Handbewegungen und riesigen, spitzen Grillzangen in Form.
"Das Glas für all unsere Produkte ist in Swaziland gesammelt und recycelt worden. 85 Prozent davon stammt von alten Colaflaschen. Dadurch erkaltet das Glas schneller und ist weniger flexibel", erläutert der Managing Director von Ngwenya Glass. Das Design muss also entsprechend robust sein, doch mit dieser Einschränkung kommen die Glasbläser wunderbar zurecht: Von ausladenden Rotweingläsern zu bunten Serviettenringen, von Bierkrügen mit Metall-Nashörnern am Griff zu Designer-Vasen, deren orangefarbene und blaue Schichten im Licht funkeln, reicht das Angebot, das bis nach Europa und die USA exportiert wird.
"Wir sind gerade dabei, neun weitere Glasbläser anzulernen, und unsere schwarze Designerin bekommt internationale Anerkennung." Dazu kommen die Swazis, die davon leben, Flaschen zu sammeln und sie für fünfzig Cent das Kilo an Ngwenya Glass zu verkaufen. "Wir haben damit gleichzeitig ein Umweltproblem gelöst. Vor zehn Jahren war Swaziland noch voll von Müllkippen mit alten Flaschen. Die landen jetzt fast alle bei uns", sagt der Manager mit offensichtlichem Stolz - so viele Swazi-Produkte, die auf dem Weltmarkt bestehen können, gibt es nicht.
Tanz für den König
Das Leben in der Hauptstadt Mbabane dreht sich um das Swazi Plaza und The Mall - zwei riesige Einkaufszentren mit südafrikanischen und amerikanischen Ketten: KFC, Pizza Hut, Shoprite oder OK. Mbabane ist mit 60.000 Einwohnern zwar die zweitgrößte Stadt des Landes hinter Manzini, doch trotz seiner schönen Lage in den Dlangeni Hills keine Attraktion. Mag der Markt auch interessant sein, das politische und kulturelle Herz von Swaziland liegt im Ezulwini Valley und dorthin sind wir unterwegs. Man kann schnell auf der MR3 durchbrausen.
Wer aber etwas sehen will, muss die alte MR103 nehmen. Hier liegt der königliche Kraal, hier findet der jährliche Reed Dance statt, bei dem 40.000 junge Frauen vor dem König tanzen und Mswati III sich ab und zu eine neue Verlobte aussucht. Hier tagt das Parlament, das nur als Sprachrohr des Herrschers gilt, hier liegen die großen Hotels und - etwas abseits - das Mlilwane Wildlife Sanctuary.
Hier ist Ted Reilly geboren und hat mit angesehen, wie wilde Tiere systematisch ausgerottet wurden. Als Reaktion widmete er die 400 Hektar große Familienfarm dem Artenschutz und machte es zum Wildlife Sanctuary.
Das Anwesen der Familie aus den 1920er Jahren steht mitten im Park: Reilly?s Rock, ein Labyrinth aus Gebäudeflügeln, großzügigen Terrassen und einer Bibliothek mit Kamin, die im Buckingham Palace liegen könnte.
Über deren Blechdach scheint gerade ein Regenschauer zu trommeln, doch am Himmel blinken Sterne. Plötzlich sehen wir davor Mini-Scheinwerfer, und langsam lösen sich Körper aus der Dunkelheit, die zu Katzen gehören könnten.
Ted taucht neben mir auf und drückt mir ein Stück Banane in die Hand. Jetzt trauen sie sich ins Licht mit ihren Fledermaus-Ohren, dem langen Schwanz und riesigen Augen: Bushbabies kommen zur Fütterung, einige misstrauisch, andere etwas mutiger, alle zögerlich. Es dauert eine Minute, bevor der größte Draufgänger zart und warm in meinen Finger beißt. Dann bekommt er die Banane zu fassen und flüchtet behände das Dach hinauf.
Als wir hinunter zum Lagerfeuer gehen, wo das Abendessen schon bereit steht, sehen wir im Tal die Lichter von Mbabane funkeln. Frösche schnattern wie aufgedreht und ein paar Zebras bellen in der Ferne.
Flusspferde aus Wachs
Am nächsten Morgen chauffiert uns Ted mit schnellen Bewegungen durch das Veld. Mlilwane ist kein Big-Five-Gebiet, dafür ist es der Himmel für Antilopen-Fans: Eine Rehantilope wetzt rechts über die Ebene, ein Oribi zeigt sich und verschwindet hinter Büschen, plötzlich stiebt ein Steinböckchen vor dem Auto davon. Diese Tiere sind nur einen halben Meter groß und man sieht sofort, wie anstrengend es sein muss, in der Wildnis klein zu sein. Hektisch spähen sie um sich, während in der Ferne zwei große Rote Kuhantilopen in Seelenruhe die Szene betrachten. Die Touren kann man hier nicht nur mit dem Auto machen, sondern auch auf dem Mountainbike.
Nach einem herzhaften Frühstück brechen wir auf und fahren weiter das Ezulwini Valley hinunter. Bei Swazi Candles werden ungewöhnliche Kerzen geformt, die auch in deutschen Geschäften angeboten werden: Mit der Hand kneten die Arbeiter das auf fünfzig Grad erhitzte Wachs zu Flusspferden mit Blumenmustern, Rechtecken mit Afrikamotiven, kleinen Leoparden in Lauerstellung und Elefanten. Dafür haben sie zehn Minuten Zeit, dann ist das Wachs zu kalt. 20 bis 25 der Tiere schaffen sie pro Tag und die Reisenden stürzen sich nebenan im großen Shop begeistert auf die kleinen Kunstwerke.
Wer sonntags mit heruntergekurbelten Scheiben über die MR103 fährt, hört, dass halb Swaziland ruft, singt und summt. Siebzig Prozent der Swazis sind Christen. In einer Bretterbude vor dem Malkerns Country Club findet einer der vielen Gottesdienste statt. Ungefähr vierzig Gläubige der "Word of Life Christian Church" haben sich versammelt und lauschen ihrem Pastor.
In einem lilafarbenen, viel zu großen Anzug predigt er gegen den Alkohol, dem so viele Swazis verfallen seien. Die Gemeinde bekräftigt das mit lauten Rufen und alle stimmen schließlich ein, um "Jesus" so inbrünstig zu preisen, dass wir Angst haben, die Konstruktion aus Brettern, ein paar Nägeln und viel grüner Plastikfolie könnte über uns zusammenstürzen.
Chillen, Caven, Surfen
Drei Kilometer weiter liegt ein Veranstaltungsort, den Swazis aus ganz anderen Gründen aufsuchen. Das House on Fire ist ein Club, manche würden sagen ein Tempel für Musikbegeisterte: Blinkende Spiegel-Applikationen in den bunten Steinwänden, die von irren Hippie-Skulpturen geschmückt sind, zackige Metallbalken vor runden Holzsäulen, Bänke mit goldenen Steinlehnen, schrille Wachhäuschen, ein tanzender Elefant unter alten Signalleuchten korrodierter Metallogen - alles wirkt wie eine Mischung aus Gaudí und Hundertwasser.
Im House on Fire gastieren DJs, Bands und Theatergruppen, an Samstagabenden platzt dieses ?Work in Progress?, wie es seine Initiatoren beschreiben, aus allen Nähten. Im angrenzenden Malandelas B&B kann man übernachten, und das gleichnamige Restaurant ist sehr zu empfehlen - am Wochenende sollte man allerdings reservieren.
Dort laufen wir auch Darron Raw über den Weg. ?Wir organisieren Adventure-Caving, wo wir in eine Höhle fahren, die nur zu fünf Prozent erforscht ist, Offroad-Quadbiking und seit sechzehn Jahren Rafting?. Darron hat die Behörden dazu überredet, jeden Tag den Damm am Mbabane-Fluss zu öffnen - die Rafter surfen dann auf dieser künstlichen Welle durch das traumhafte Ezulwini Valley.
Raw geht aber längst über diesen Abenteuer-Tourismus hinaus. Mit "Taste of Swaziland" befriedigt er das Interesse derer, die tiefer in die Kultur eintauchen wollen. Man kann sich das Menü komplett selbst zusammenstellen: Wer ein typisches Dorf durchstreifen will, dem zeigt der Führer den Weg und steht als Dolmetscher zur Seite, Tierliebhaber werden durch Swazilands Parks und zu ihren schönsten Orten geführt - alles ganz spontan.
Inmitten der Büffelherde
Der letzte Tag in Swaziland. Wir hatten uns fest vorgenommen, heute nur gemütlich nach Nelspruit zurück zu fahren, aber Ted Reilly hat uns überredet, das Mkhaya Game Reserve zu besuchen. Also fahren wir wieder einmal ganz früh raus, über die wirtschaftlich am weitesten entwickelte Stadt Manzini hinaus, bei Hhelehhele nach rechts ins ländliche Swaziland.
Hier spielt sich afrikanisches Straßenleben ab, mit Schulkindern in Uniformen, vereinzelten Fahrradfahrern, verlorenen Tankstellen, viel Staub und noch mehr Fahrgästen auf den Ladeflächen der Pick-Ups.
Im Dörfchen Phuzumoya will Ted uns abholen - niemand darf alleine in die Game Reserve fahren. Typisch Swazi: Der große alte Mann, einer der wenigen, die sich nicht vor dem König niederwerfen müssen, nimmt sich selbst nicht wichtig. Seine Jacke ist 20 Jahre alt, von Kaffeeflecken verfärbt, an den Nähten reißt sie auf. Sein Hut ist verwaschen und der Wagen eine verbeulte Stahlwanne mit Dieselantrieb. Doch dieser Mann, der schon als Kleinkind durch den Busch gestapft ist, nimmt uns auf eine Safari, die wir nicht so schnell vergessen werden.
Vor allem ist Ted effizient. Mit seinem Beifahrer tauscht er nur wenige Worte auf seSwati aus, der Rest sind Gesten. Das Lenkrad schlägt er mit seinen Pranken in die richtige Richtung, abrupt steuert er uns ins Yellow Thatch Grass hinein, und wir sehen nicht mehr viel, bis wir hinter einer Kuppe plötzlich mitten in eine Herde Büffel steuern. Aus vier Meter Entfernung wirken die durchschnittlich 700 Kilogramm schweren Tiere so zahm wie wiederkäuende Kühe.
Mit laufendem Motor tasten wir uns langsam vor. Selbst der Leitbulle mit mächtigem Hornwulst wird nervös. Er wendet sich mit wedelndem Schwanz Richtung Westen und zieht seine Herde hinter sich her.
In den nächsten Stunden spürt Ted für uns ein Nashorn mit einem drei Monate alten Baby auf, das ungelenk hinter seiner Mutter herhoppelt. Und er bringt uns unmittelbar an einen Elefanten heran, der eine Rivierakazie umwirft, während die Ägyptischen Gänse erschrocken in die Luft starten.
Höfliche Elefanten
Unser Frühstück nehmen wir in einem Stone Camp ein. Näher kommt man nicht an die Natur heran. Die Betten sind nur durch eine fünfzig Zentimeter hohe Mauer von der Wildnis getrennt. "Hier kann man abends Leoparden und Geparden vorbeilaufen sehen", sagt Ted stolz. Ob denn das Mäuerchen die Gäste ausreichend schütze? "Die Raubtiere könnten natürlich hereinkommen. Aber sie tun es nie", sagt Ted und lächelt in die Ferne.
Gegen zehn stoßen wir auf eine Herde Elefanten. Mit anderen Führern würden wir jetzt stehen bleiben und die Szene vom Pfad aus beobachten. Ted will mehr und hält auf die Dickhäuter zu, bis wir jede Kruste in der Hautschicht studieren können, während die Elefanten über uns ihre Rüssel in die Baumkronen schlingen und Zweige abreißen. Kampferbüsche duften, und wir befinden uns bald mitten in der Herde von zwölf Elefanten.
Wir bewegen uns mit ihnen auf ihrem Futterzug, mit dem sie jeden Tag sechzehn Stunden beschäftigt sind. Für einen magischen Moment steht die Herde still da und lässt sich vom aufkommenden Wind umwehen. Wir hören nur das knarzende Kauen und das Rascheln der Knotendornakazien.
Als sich der größte Bulle schließlich auf uns zu bewegt, spricht Ted mit ihm in seSwati, er ruft und droht. Als der Elefant mit dem Rüssel die Rückbank berührt, gibt er Gas, das geht noch zwei Mal so und wir gewinnen noch ein paar Minuten in diesem seltsamen Zug. Dann sagt Ted: "Er will uns sagen, dass wir gehen sollen. Er ist nicht wütend. Aber man muss auf die Elefanten hören, sonst werden sie wirklich ärgerlich." Auf dem Weg hinaus fahren wir auf ein Eland zu, mit 1,70 Meter Schulterhöhe die größte Antilope des südlichen Afrikas. Sie steht an der Straße einsam Spalier, den Hals wie zum Salut majestätisch gereckt. Ein würdiger Abschiedsgruß aus einem wunderschönen Land.
SÜD-AFRIKA Tipps
Swaziland
AKTIVITÄTEN
Big Game Parks, Central Reservations, P.O. Box 311, Malkerns, Swaziland Tel.: 268-528 3943, Fax: 528 3924, www.biggameparks.org. Buchungen für die drei großen Parks in Swaziland, Mlilwane, Hlane und Mkhaya.
Swazi Trails, PO Box 2179, Mbabane, Kingdom of Swaziland, Tel./Fax: 268-416 2180, www.swazitrails.co.sz. Tolle Touren, vom Outdoor-Abenteuer zu geschichtlichen Trips bis hin zu maßgeschneiderten Ausflügen.
UNTERKUNFT
Phophonyane Lodge, P.O Box 199, Piggs Peak, Swaziland, Tel.: 268-437 1429, Fax: 437-1319, www.phophonyane.co.sz.
Reilly?s Rock, zu buchen über Big Game Parks, siehe oben.
Mvubu Falls Lodge, Mbabane Highway, Tel./Fax 268-404 4655, www.mvubufalls.com.
HANDSWERKSKUNST
Coral Stephens, Private Bag, Pigg?s Peak, Swaziland, Tel.: 268-437 1140, Fax: 437 1178, www.coralstephens.com.
Tintsaba Crafts, P.O. Box 340, Piggs Peak, Swaziland, Tel./Fax 268-437 1260, www.tintsaba.com.
Ngwenya Glass, P.O.Box 45, Motshane H104, Swaziland, Tel./Fax: 268-442 4053, www.ngwenyaglass.co.sz.
Swazi Candles, P.O. Box 172, Malkerns, Swaziland, Tel.: 268-528 3219, Fax: 268-528 3135, www.swazicandles.com.
GESUNDHEIT
In Teilen Swazilands besteht immer noch Malariagefahr. Besucher sollten entweder mit einer Prophylaxe vorsorgen oder ein Stand-By-Medikament dabei haben. Man sollte sich unbedingt vom Arzt beraten lassen.
© Text: Lukas Martina/SÜD-AFRIKA








