© Eva Melusine Thieme
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Lesertext: Reifenpanne in der Mitte von Nirgendwo



Eine Reifenpanne in der namibischen Wüste ist kein Drama. Zwei hintereinander werden zum Problem. Aber vier? SÜD-AFRIKA Leserin und Buchautorin Eva Melusine Thieme beschreibt eine pannenreiche Reise.

Beunruhigt blicke ich auf meine Uhr. Es ist fünf Uhr nachmittags und wir haben nur noch eine knappe Stunde Tageslicht. Normalerweise wäre das kein Problem. Normalerweise sollten wir schon längst in gemütlichen Korbsesseln auf der Veranda einer schicken Lodge sitzen und mit dem Weinglas in der Hand auf den afrikanischen Sonnenuntergang warten, während die Frösche in den Bäumen ihr abendliches Konzert anstimmen und das Aroma von gebratenem Kudu vom Feuer herüberweht.
Leider rückt dieses Bild immer mehr in den Hintergrund, denn wir stecken fest. In der Mitte von Nirgendwo, wie es die Kinder so treffend beschrieben haben. Genauer gesagt stehen wir zu sechst um unser Auto am Rand einer gottverlassenen Schotterstraße ein paar Stunden südlich der riesigen Sanddünen von Sossusvlei und betrachten betrübt unseren rechten Vorderreifen: Er ist platt.

Alarm am Armaturenbrett


Ich schaue mich um, aber außer grenzenloser Weite ist nichts zu sehen. Hier in Namibia, das wir schon seit gut einer Woche mit dem Auto durchkreuzt haben, leben nur cirka 1,5 Millionen Menschen auf einer Fläche so groß wie Deutschland und Frankreich zusammen. Die Aussichten, dass uns gerade jetzt jemand über den Weg laufen sollte, vorzugsweise ein Mechaniker mit einem Sortiment Ersatzräder auf Vorrat, sind nicht gerade vielversprechend.
Bis heute Vormittag war alles gut gegangen. Im einen Moment fuhren wir noch gemütlich durch die atemberaubende Landschaft auf dem Weg zum Orange River an Namibias südlicher Grenze mit Südafrika, und im nächsten brachten uns die rot am Armaturenbrett blinkenden Worte "Reifendruck prüfen" abrupt zum Stillstand.
"Kein Problem" sagte mein Mann, bewundernswert ruhig. "Da könnt ihr Jungs gleich mal lernen, wie man einen Reifen wechselt". Die beiden Teenager überraschten uns mit ihrem Eifer. Vielleicht, weil ein Autourlaub im dünnstbesiedelten Land der Welt nicht gerade aufregend ist, besonders ohne Internet!

Auf den letzten Fetzen


Die Gebrauchsanleitung wurde hervorgekramt, das Warndreieck in der vorgeschriebenen Entfernung aufgestellt (ein Witz eigentlich, denn es würde niemand kommen), der Wagenheber hochgekurbelt, und unsere Söhne wechselten stolz ihren ersten Autoreifen.
Als wir wieder alle im Auto saßen, waren die Mädchen besorgt. "Was ist, wenn noch ein Reifen platzt? Wir lachten. Wie lustig! Zwei Reifenpannen an einem Tag? Sehr unwahrscheinlich", sagten wir. Wir kicherten immer noch, als es nach kaum zwanzig Minuten Fahrt passierte: Der zweite Reifen war platt.
Wenn die zweite Reifenpanne schon unwahrscheinlich war, so schien es fast noch unwahrscheinlicher, dass genau in diesem Moment eine Ortschaft wie eine Fata Morgana aus der öden Landschaft auftauchen sollte, eine Ortschaft mit Tankstelle, in die wir auf den letzten Fetzen unseres Reifens einrollten.

Bratwurst und Apfelkuchen


Ein Mechaniker mit baumdicken Unterarmen erfasste die Situation auf einen Blick und fand in seiner Werkstatt ein neues Rad von ungefähr der richtigen Größe, und die Jungs - diesmal vielleicht ein klein bisschen weniger eifrig - tauschten dieses gegen Reifen Nummer zwei aus, während der Mechaniker das Loch in Reifen Nummer eins flickte.
Da alle hungrig waren, nutzten wir die Pause zu einem Mittagessen auf der sonnenüberfluteten Terrasse des Hotel Helmeringhausen auf der anderen Straßenseite, wo "Namibias beste Bratwurst" serviert wurde. Tatsächlich war sie köstlich, wie auch der Apfelkuchen zum Nachtisch.
Wer außerhalb Deutschlands gute deutsche Küche genießen möchte, muss unbedingt Namibia besuchen. Es liegt zwar schon über 100 Jahre zurück, dass Südwest Afrika eine deutsche Kolonie war, aber noch immer ist der deutsche Einfluss überall spürbar.
Nur wenige Tage vorher waren wir in Windhuk, der Hauptstadt Namibias - fein herausgeputzt nach gut schwäbischer Kehrwochenart und so unafrikanisch, wie es nur geht - durch die Lüderitzstraße und das Kaiserkrone Shopping Centre spaziert, hatten uns mit ein paar Ortsansässigen in reinstem Hochdeutsch unterhalten und in Joe?s Beerhouse den besten Schweinebraten aller Zeiten gegessen.

 © Eva Melusine Thieme
© Eva Melusine Thieme
Erinnerung an den Etosha-Nationalpark.

Reifen Nr. 3


Mit vollem Magen und auf so gut wie neuen Rädern ließen wir Helmeringhausen hinter uns. Niemand schien übermäßig überrascht zu sein, als nur 20 Minuten später der dritte Reifen seinen Geist aufgab. Die Mädchen wussten nicht, ob sie triumphierend "Da seht ihr mal!" rufen oder heulen sollten, und die Jungs brauchten diesmal genau sieben Minuten für die bereits zur Routine gewordene Arbeit.
Aber dann kam die Krise, in der wir uns jetzt befinden: Das Ersatzrad selbst - brandneu und kaum benutzt - zischt seit fünf Minuten leise und verliert langsam Luft. Auf unserem Auto scheint ein Fluch zu lasten.
Es wird nicht mehr lange dauern, bis die Sonne hinter dem Horizont verschwindet. Und nun, ungeheißen, ein neuer Gedanke: "Ob es hier wohl Löwen gibt?" Es gibt keine Zäune, keine Grenzen von Menschenhand für die Tiere, die schon seit Urzeiten dieses Land durchstreifen.
Als wir letzte Woche im Etosha-Nationalpark das Kommen und Gehen der Tierherden am Okauquejo-Wasserloch beobachteten und die ganze Nacht lang einen Löwen brüllen hörten, erschien dieser uns majestätisch. Jetzt erscheint er uns schaurig.

Durststrecke nach Keetmanshoop


Wir ziehen unsere Landkarte zu Rat. Bis nach Keetmanshoop, einem winzigen Ort auf unserer Strecke, ist es nicht mehr allzu weit. Schaffen wir es bis dahin? Wir klettern wieder ins Auto und rollen vorsichtig weiter, mit angehaltenem Atem.
Laut jauchzend passieren wir nach nicht enden wollender Fahrt das Ortsschild, und wir jauchzen noch lauter, als wir sie nach mehrmaligem Durchkreuzen der verlassenen Straßen erspähen: die unmarkierte Einfahrt in einen Hinterhof, in dem es geschäftig zugeht. Die letzten Sonnenstrahlen werden gerade vom Horizont verschluckt, als wir auf unserem nun fast platten Ersatzrad durchs Tor fahren.
Unter normalen Umständen würden wir beim Anblick eines solchen Schrottplatzes - denn anders kann man diesen Ort nicht beschreiben - die Nase rümpfen, aber jetzt wähnen wir uns wie im Shangri-La.
Noch nie im Leben hat mich der Anblick von aufgebockten Armeelastwagen und VW-Käfern inmitten einer Müllhalde so sehr erfreut. Der Boden der Werkstatt, in der wir den Besitzer des Etablissements hart arbeitend antreffen, ist übersät von Schrauben und Muttern und allerlei Werkzeug, alles wild verstreut.

Wilde Begegnungen


Dieser Ort und die hier versammelte Menschenmenge - eine Schar bunt zusammengewürfelter Reisender aus allen Winkeln Afrikas, allesamt in ähnlichen Zwangslagen wie der unseren - mutet so merkwürdig an, dass wir uns fragen, ob wir träumen.
Da ist das ältere Paar, das den Kontinent seit Jahren im selbstgebauten Wohnmobil bereist, aus dessen Innerem es so entsetzlich nach verkochtem Kohl riecht, dass wir höflich die Einladung zur Besichtigung ausschlagen.
Ein jüngerer Mann entpuppt sich als Rugbyspieler aus Texas, ein Bure, der gerade seinen Heimurlaub auf der elterlichen Farm verbringt. Und dann ist da noch der Typ mit wildem Blick und goldgekrönten Zähnen, der damit sein Geld verdient, in Sambia Nilpferde zu jagen.
Er beschreibt detailgenau, wie er in einer guten Saison täglich zwölf der riesigen Tiere erschießt, mit dicken Seilen am Traktor aus dem Wasser hievt und auf Lastern nach Johannesburg transportiert, damit dort "Geflügelwurst" aus ihnen hergestellt wird.
Ich nehme mir vor, in Zukunft beim Wursteinkauf vorsichtig zu sein.

Happy End?


Endlich sind wir an der Reihe. Wir sehen dankbar dabei zu, wie alle unsere Reifen ein letztes Mal geflickt und ausgetauscht werden. Wir werden vom Eigentümer der Werkstatt auf typisch afrikanische Art zum Boerewors-Essen eingeladen, aber wir haben es eilig, auf den Weg zu kommen, und so bezahlen wir den lächerlich niedrigen Preis und verabschieden uns rundum. Im blassen Mondlicht machen wir uns auf den Weg zu unserem nächsten Etappenziel, noch zwei Autostunden entfernt.
Wir hoffen auf das Beste. Wie wir gelernt haben, kann in ein paar Stunden eine Menge schiefgehen.


ÜBER DIE AUTORIN
Eva Melusine Thieme ist die Autorin des Buches Kilimanjaro Diaries und des Blogs Joburg Expat, wo sie über die Abenteuer ihrer Expat-Familie in Südafrika berichtet. Zurzeit lebt sie mit ihrem Mann und vier Kindern im US-Bundesstaat Tennessee, wo sie an ihrem nächsten Buch über die hier beschriebene Autoreise durch Namibia arbeitet.


© Text: Eva Melusine Thieme
 

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